Die Übertragung von psychoanalytischen Theorien auf gesellschaftliche Prozesse ist zugleich reizvoll und fragwürdig. Der Reiz liegt, wie bei der Entwicklung und Anwendung jeder Theorie, in der Möglichkeit, Orientierung und Sinn in vorher scheinbar ungeordneten oder gar sinnlosen Abläufen zu finden. Fragwürdig ist, inwiefern überwiegend am Individuum und in konkreten Interaktionen gewonnene Einsichten auf Gruppen oder gar Nationen übertragbar sind, ob hier nicht der Geltungsbereich der Theorie zu weit ausgedehnt wird. Ein weiteres Problem stellt sich in der auch in der Einzelanalyse häufig thematisierten Frage nach dem Standort des Analytikers im Kräftefeld von Übertragung und Gegenübertragung. Gerade ein Thema wie die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus löst heftige Polarisierungen aus, die nicht ohne Wirkung auf die an der Szene teilnehmenden Beobachter bleiben werden. Die Auseinandersetzung mit dem Thema schien mir trotzdem reizvoll, denn es liegt auf der Hand, daß die großen gesellschaftlichen Umbrüche dieses Jahrhunderts nicht ohne Wirkung auf individuelle Biographien geblieben sein können. Die Zerschlagung des Nationalsozialismus mit der nachfolgenden Teilung Deutschlands und der Untergang der DDR stellen ebenso wie der vorausgegangene Zusammenbruch des Kaiserreiches Umbrüche dar, in denen kollektive Werte und Normen grundlegend in Frage gestellt wurden, mit der Folge, daß sich die Frage nach Schuld und verantwortlichem Handeln jeweils neu stellte. Opfer sind zu beklagen. Es gilt Abschied zu nehmen von Rollendefinitionen und Seinszuständen und die Folgen des eigenen Handelns neu zu reflektieren. Es ist zu erwarten, daß solche Bruchstellen eine Vielzahl widersprüchlicher Emotionen auslösen.
Die Autoren beschäftigen sich in ihrem 1967 erschienenen zeitdiagnostischen Buch mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland. Sie vermissen in diesem Umgang Trauer, denn "Wo Schuld entstanden ist, erwarten wir Reue und das Bedürfnis der Wiedergutmachung. Wo Verlust erlitten wurde, ist Trauer, wo das Ideal verletzt wurde, ist Scham die natürliche Konsequenz." (Mitscherlich, 1977, S. 36) In ihrer Analyse finden sie Gründe für das Ausbleiben von Trauerreaktionen. Mit der Abwendung der inneren Anteilnahme für das eigene Verhalten im Dritten Reich und dessen Folgen sei ein kaum zu bewältigender Verlust des Selbstwertes und damit der Ausbruch einer Melancholie vermieden worden. Eine bewußte Auseinandersetzung mit den Millionen Toten, den pervertierten Tötungsmethoden und der Zerstörung von Lebensräumen sei seelisch nicht möglich gewesen. Im Sinne eines Selbstschutzes sei es zur Derealisierung der Vergangenheit und der damit verbundenen Schuld gekommen. Dieser Vorgang beinhalte drei Entwicklungsschritte: - emotionelle Abwendung von der Vergangenheit - Identifikation mit den Siegern - manisches Ungeschehenmachen im Wiederaufbau und nachfolgenden Wirtschaftswunder. In diesem Prozeß gelinge das gewaltsame Losreißen von der bisherigen Identität, die wesentlich von Größenideen geprägt gewesen sei, nur scheinbar. So lebe beispielsweise im emotionellen Antikommunismus in der Bundesrepublik der Mechanismus der projektiven Wendung eigener aggressiver Triebanteile nach außen fort. Das aggressive Potential stamme aus der in Deutschland besonders ausgeprägten Ambivalenz im Verhältnis zur Vater-Autorität, die bereits in Folge der Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Demontage des Kaiserreiches und der Wirtschaftskrise der 20er Jahre geschwächt gewesen sei. Diese Schwäche habe sich im Widerspruch mit der Tradition des Befehlens und Gehorchens als Leitwerten der Gesellschaft befunden. In dieser Entwicklungslinie habe der Faschismus Gelegenheit geboten, die ödipalen Wünsche direkt auszuleben, was jedoch unbewußt zu untilgbarer Schuld geführt habe, die nun ihrerseits derealisiert und projiziert werden müsse. Im rivalisierend-abwertenden Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander sehen Mitscherlich & Mitscherlich eine Verschiebung der dem eigenen Selbst geltenden Verachtung, einer Autorität hörig geworden zu sein. Ohne ein, wenn auch verzögertes Schuldeingeständnis, sei Trauerarbeit jedoch nicht möglich. Trauerarbeit beinhalte eine innerliche Auseinandersetzung in deren Verlauf die Realität des Verlustes allmählich erlernt und vollzogen werden müsse. Mitscherlich & Mitscherlich zitieren zum Begriff der Trauerarbeit Paula Heimann: "Die Trauerarbeit ist das auffallendste Beispiel für die mit der Erinnerungsarbeit verbundenen Schmerzen ... So wird das Erinnern ein stückweises, fortgesetztes Zerreißen der Bindung an das geliebte Objekt und damit ein Erlebnis von Rissen und Wunden im Selbst des Trauernden." (Heimann, 1966, S.20) Wenn das Objekt jedoch wie im Falle der Bindung an den Führer auf narzißtischer Basis geliebt worden sei, stehe der Verlust des Selbstwertes im Mittelpunkt. In diesem Fall drohe statt dem Schmerz der Trauer der Selbsthaß der Melancholie. Die Anfälligkeit für die narzißtische Liebesform sei ein kollektives Merkmal des deutschen Charakters. Bewußtes Erinnern und Trauerarbeit seien notwendig, um dem unbewußten Weiterwirken der alten Ideale entgegenwirken zu können.
25 Jahre später unterzieht Moser die oben angeführten Thesen einer erneuten Analyse. Moser vermutet, daß viele Deutsche das Kriegsende und den Zusammenbruch des Dritten Reiches unbewußt als Strafe für das Ausleben ödipaler Wünsche erlebt hätten. Bei Mitscherlich & Mitscherlich vermißt er die Bereitschaft zur Einfühlung in diese Seite der Dynamik und zweifelt deren These an, Schuldgefühle seien erfolgreich derealisiert worden. Moser gibt zu bedenken, daß eine eher pädagogische Einstellung wenig zur Erfassung der Befindlichkeit von Tätern und zur Förderung von deren Einsichts- und Erkenntnisfähigkeit beitrage. Trauer sei nicht moralisch einklagbar. "Auch der ins Verbrechen Verstrickte braucht Einfühlung, wenn er den Weg zur Umkehr finden soll. ... Die Einfühlung in ihn steht vor der seelischen Schuldfähigkeit, und diese besetzt einen Platz, der erst leergeräumt werden muß von der im Vordergrund stehenden Opferidentität." (Moser, 1992, S. 389) Das Hauptproblem sieht Moser in der Vermischung von therapeutischer, kulturhistorischer und pädagogischer Perspektive. Infantilen Störungen des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens würden immer wieder politisch-kollektive Vorwürfe gegenübergestellt als deren Hintergrund Moser eine einseitige Identifizierung der Autoren mit den Opfern des Faschismus vermutet. Gründe für den Mangel an Einfühlung sieht Moser auch innerhalb der Psychoanalyse: "Es mag etwas mit der Fixierung der Psychoanalyse auf die ödipale Epoche zu tun haben, daß die Mitscherlichs immer wieder meinen, die hingeschleuderte Deutung produziere Einsicht und Wandel. Die Psychoanalyse brauchte lange Zeit, um den Raum für Angst, Scham, Reue und Schuld zu öffnen. Sie war auf der institutionellen Ebene bis weit in die siebziger Jahre hinein in Grabenkriege um Rechtgläubigkeit, um den Status der Unschuld und Opferidentität verwickelt." (Moser, 1992, S. 402)
Mitscherlich-Nielsen stellt sich 1992 erneut die Frage nach der (Un)Fähigkeit zu trauern im vereinten Deutschland. "Sich von 45 Jahren realexistierendem Sozialismus abzuwenden, ohne sich zu erinnern, was er für jeden einzelnen wie für das Kollektiv bedeutete, hat psychologisch vermutlich ähnliche Folgen wie das "Vergessen" der Nazizeit ..." (Mitscherlich-Nielsen, 1992, S. 411) Ein solches offenes, unzensiertes Erinnern falle umso schwerer, je verborgener die Ambivalenz dem Verlorenen gegenüber sei. Es bestehe die Gefahr, daß alte Idealisierungen starr aufrecht erhalten werden müssen und Trauer in Depression oder Melancholie übergehe. Die Autorin beobachtet in Ostdeutschland parallel zum Verlust der alten Ich- und Wir-Ideale einen Verlust des individuellen und kollektiven Selbstwertes, der wiederum verdrängt und projiziert werden müsse, um ihn ertragen zu können. In der Trauer gehe es darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, was zur Folge habe, daß man sich selbst und andere besser ertragen könne. Mitscherlich-Nielsen warnt vor der Gefahr einer "Gesinnungssäuberung" in den östlichen Bundesländern, die den Versuch der Westdeutschen darstellen könne, jene Vergangenheitsbewältigung zu praktizieren, die am eigenen Selbst nie gelungen sei. In der Erinnerungsarbeit gehe es nicht nur um die Erinnerung an konkrete Ereignisse, sondern vielmehr um die Erinnerung an Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, an Gefühle und Phantasien. So könnten Vorurteile, Rollenfixierungen und beherrschende Abwehrsysteme allmählich bewußt werden. Die Fähigkeit, verlieren zu können, wird als eine Vorbedingung für die Fähigkeit zu trauern betrachtet. Im Umgang mit den Stasiakten sieht Mitscherlich-Nielsen ein wesentliches Indiz für die (Un)Fähigkeit zu trauern: "Wer nach umfassender "Säuberung" ruft, setzt nicht nur jenes wechselseitige Denunziantentum fort, das die DDR-Realität bestimmte; er wehrt auch jene Fähigkeit zu trauern ab, die unabdingbar ist, Verluste ertragen und verarbeiten zu lernen und ein neues Selbstwertgefühl zu gewinnen. " (ebd. S.418) Venner (1992) merkt an, die Geschwindigkeit des Wandels in den neuen Bundesländern lasse den Menschen kaum Zeit, das eigene Leben zu verstehen, Vergangenes zu bearbeiten, persönliche Integrität zu bewahren oder neu zu erwerben. Sie sieht doppelten Anlaß zur Trauer, denn mit dem Scheitern des "real existierenden Sozialismus" sei der Untergang linker Utopien ebenso verbunden wie das Ende paradiesischer Vorstellungen ehemaliger DDR-Bürger von der westlichen Gesellschaft. Man habe eine "gute alte Zeit" phantasiert, aber real sei die Zeit des Nationalsozialismus die jüngste gemeinsame Vergangenheit der beiden deutschen Staaten. Wiedervereinigung bedeute in diesem Sinne auch Wiedervereinigung der alten Schuld. Abspaltung der jeweils negativen Selbstanteile auf den anderen sei somit nicht mehr möglich. Als wesentliche Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Neubeginn betrachtet Venner gegenseitiges Eingeweihtsein nicht nur in Politik, Finanzen und Wirtschaft, sondern auch in die innere Verfassung der Menschen. Zeul & Gimbernat (1992) finden in ihren Überlegungen zur deutschen Wiedervereinigung besonders die überstürzte Hast bemerkenswert, mit der diese betrieben worden sei. Als mögliche Ursachen dafür sehen sie in der DDR angestaute Sehnsüchte, den Lebensstandard des Westens so schnell wie möglich erreichen zu wollen einerseits, ebenso wie Versuche des Bundeskanzlers trotz sinkender Beliebtheit (im Westen) die Bundestagswahl im Herbst 1990 zu gewinnen. Auf der Strecke geblieben seien Chancen, in einer Atmosphäre, die Nachdenken, Prüfen und Abwägen ermöglicht hätte, sich gegenseitig zu befruchten. Statt dessen sei es zu einer einseitigen Vereinnahmung der DDR durch die BRD gekommen. Getriebenes, zwanghaftes Handeln habe die Szene beherrscht. Gestützt auf Theorien von Mitscherlich und Kohut suchen die Autoren nach tieferen Gründen für diese Dynamik. Übereinstimmend mit Mitscherlich & Mitscherlich (1977) sehen sie einen ersten Grund im unreflektierten Antikommunismus in der BRD, einer offiziellen staatsbürgerlichen Haltung, in der sich ideologische Elemente des Faschismus mit denen des kapitalistischen Westens verbunden hätten. Darüberhinaus habe die Wiedervereinigung (nicht nur) unbewußt die Möglichkeit geboten, die narzißtische Wunde der Zerschlagung des (grandiosen) Hitler-Reichs durch die Alliierten zu "heilen". Zeul & Gimbernat vermuten, daß an die Stelle des Selbst-Objekts Hitler nach dem Krieg die Deutsche Mark getreten sei, deren Besitz für die Deutschen mit Sicherheit, Stabilität und Macht verbunden sei und die aus genau demselben Grund im Prozeß der Wiedervereinigung eine zentrale Rolle gespielt habe. "Die Faszination, die vom Geld, dem neuen Selbstobjekt, ausgeht, beruht auf dem traumatischen Verlust des Selbst-Objekts Hitler." (Zeul & Gimbernat, 1992, S. 471) Den deutschen Phantasien von Größe und Einmaligkeit, in denen die Autoren das Kohut´sche Größen-Selbst vermuten, habe nach der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft die totale Entwertung gedroht. Es sei jedoch zu keiner tiefgreifenden Auseinandersetzung mit den alten Werten und Idealen gekommen, die statt dessen unbewußt in der Beziehung zum Geld und in der Betonung der deutschen Tüchtigkeit im Wiederaufbau fortbestanden hätten. Die erlittene narzißtische Wunde habe nicht heilen können. In der Wiedervereinigungssucht der Deutschen vermuten die Autoren einen Versuch, durch die Alliierten vermeintlich erlittenes Unrecht ungeschehen zu machen und dabei eigene aggressive Anteile auszublenden. "So gesehen ist die ökonomische Katastrophe in der ehemaligen DDR Folge des nationalen Taumels und der Trunkenheit, die weder Nachdenklichkeit noch nüchternes Vorgehen zuließen. ... politische Entscheidungen ... standen und stehen unter dem Diktat von ungezähmten, abgespaltenen Größen-Selbst-Forderungen, die gebieterisch nach Wiedereinsetzung einstiger phantasierter Größe und Vollkommenheit verlangen." (ebd. S. 473) In diesem Prozeß sei es psychisch unmöglich, Andersartigkeit anzuerkennen (beispielsweise im Umgang mit ehemaligen DDR-Offiziellen, Vereinigungsgegnern, SED / PDS). Diese werde als Bedrohung des Selbstwertgefühls erlebt und müsse daher beherrscht und letzlich vernichtet werden. Die Wut des gekränkten Narzißten richte sich eiskalt auf alle, die die eigene phantasierte Großartigkeit nicht anerkennen. So würden über den psychischen Mechanismus der Spaltung vor dem Hintergrund des emotionellen Antikommunismus aus ehemaligen DDR-Bürgern entweder Deutsche oder Kommunisten. Zeul und Gimbernat setzen am Ende ihrer Überlegungen ihre Hoffnung in differenzierte Wahrnehmung und Selbsterforschung, um Realitäten annehmen und akzeptieren zu können. Andernfalls drohe die Gefahr, sich auf eine nur scheinbar wiedergefundene Identität zu stützen. Sicherlich spielt hier auch die von Parin (1983) beschriebene Angst der Mächtigen vor öffentlicher Trauer, die statt Lähmung und Resignation in der Melancholie erneutes politisches Engagement nach sich ziehen könnte. "Lähmend wirkt Trauer nur, wenn sich das Überich, etwa wegen unbewußter Aggressionen gegenüber dem verlorenen Objekt, gegen das Ich wendet. ... " (Parin, 1983, S.68) Falls es zu gemeinsamer Trauer in der Gruppe komme, entwickle sich folgender Prozeß: "Das Ich ist vom Überich entlastet, für Gefühle offen, libidinösen und aggressiven Regungen aus dem Es zugänglich. Das trauernde Ich empfängt einen starken Impuls, sich gegen den äußeren Angreifer zu wenden. Der solidarische Zusammenschluß der Gruppe verstärkt sich, und sie neigt zu erneuten Aktivitäten." (ebd. S.69)
Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat in mir eine Fülle von persönlichen Erinnerungen und damit verknüpften intensiven und widersprüchlichen Emotionen geweckt. Ich hatte die zum großen Teil unbearbeitet gebliebene Flut von Eindrücken aus sich überstürzenden Ereignissen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung noch einmal deutlich vor Augen. Dabei habe ich Ansatzpunkte und Hinweise für mögliche klärende Perspektiven auf das scheinbar ordnungslose und einer irrationalen Eigendynamik folgende Geschehen gefunden. Mir ist bewußter geworden, wie mühsam und vielfältig blockiert ein Prozeß der Trauer sein kann, wenn die zu betrauernden Objekte mit hochgradig ambivalenten Emotionen verknüpft sind und gleichzeitig ein starker (innerer und äußerer) Druck in Richtung auf eindeutige Wahrnehmung und Bewertung wirkt. Ein nicht endgültig zu lösendes Problem sehe ich in der Überlappung und Vermischung von individueller und kollektiver Psychodynamik mit persönlich bedeutsamen politischen Perspektiven. Wieviel Selbsterfahrung und Supervision sind notwendig, um den persönlichen Anteil an "Gegenübertragungen" zu diesem Thema reflektieren zu können ? Besonders beeindruckt hat mich Mosers kritischer Hinweis, daß es gerade und auch bei diesem Thema darauf ankomme, sich um eine empathische Sicht für alle beteiligten Seiten zu bemühen, wenn es darum gehe, einen psychotherapeutischen Prozeß in Gang zu bringen, statt in Belehrungen über "richtiges" Denken und Fühlen steckenzubleiben. In diesem Sinne scheint es mir sinnvoll, am Ende thesenförmig noch einige Überlegungen zu erwähnen, die einen empathischeren Umgang mit den Bürgern der ehemaligen DDR (deren Perspektive mir naturgemäß näher liegt) ermöglichen könnten: Die teilweise katastrophalen Folgen der Wiedervereinigung für die Bürger der ehemaligen DDR sind nicht in rein ökonomischen Kategorien zu beschreiben (Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen etc.). In einer solchen Sichtweise, die ich bei Zeul und Gimbernat kritisieren möchte, wird m.E. das unreflektierte Primat des Geldes und der DM, in dessen "Sprache" sich ja häufig auch ostdeutsches Klagen Ausdruck verschafft, übernommen. Die Fokussierung auf "alte Schuld" ließe sich ergänzen durch die Frage nach der nachträglichen inneren Bewertung von Verhalten zu DDR-Zeiten. Hier scheinen mir zwei Aspekte von Bedeutung: Mühe bei der selbstbewußteren Behauptung einer wie auch immer zu beschreibenden DDR-Identität bereiteten sicher unbewußte Strafängste wegen des teilweise geteilten Anspruchs auf den demokratischeren (weil antifaschistischen und antikapitalistischen) deutschen Staat. Hinzu kamen sicher auch Überraschung und Schuldgefühle über die Auswirkungen des Auslebens der aggressiven Impulse gegen den eigenen gehaßt-geliebten Staat. Insofern wäre die Entscheidung für den nahezu bedingungslosen Beitritt zur BRD auch aus einer nicht in rein ökonomischen Kategorien zu beschreibenden Sehnsucht nach Sicherheit in einer als extrem verunsichernd erlebten Situation zu verstehen. Die Autoren verlangen in einer Situation totaler Verunsicherung auf allen Seiten, der eine lange Phase des Denkens in Schablonen von "gut und böse" (Ost und West, Sozialismus oder Kapitalismus) vorausgegangen war, nachdenkliche Reflexion und differenzierte Wahrnehmung und Selbsterforschung. Hier geht es vielleicht auch um Einfühlung in die Überforderung, die in der Situation steckt, was nicht heißen soll, daß nachträglichen Reflektieren und detailliertes Wahrnehmen nicht dringend erforderlich und vielversprechend erscheinen. Ich persönlich sehe dafür vielfältige Ansätze in Ost und West. Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Volker Braun:
Da bin ich noch: Mein Land geht in den Westen.
Krieg den Hütten, Friede den Palästen.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magere Ziere.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß, wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.
Heimann, P. (1966). Bemerkungen zum Arbeitsbegriff in der Psychoanalyse. Psyche, 20, 321.
Mitscherlich, A. & M. (1977). Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München: Piper.
Mitscherlich-Nielsen, M. (1992). Die (Un)Fähigkeit zu trauern in Ost- und Westdeutschland. Was Trauerarbeit heißen könnte. Psyche, 46, 406-418.
Moser, T. (1992). Die Unfähigkeit zu trauern: Hält die Diagnose einer Überprüfung stand ? Zur psychischen Verarbeitung des Holocausts in der Bundesrepublik. Psyche, 46, 389-405.
Parin, P. (1983). Die Angst der Mächtigen vor öffentlicher Trauer. Psyche, 37, 55-72.
Venner, M. (1992). Verletzt die Wiedervereinigung ? Erkrankungen im sozialen Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Sonderheft, 5-7.
Zeul, M. & Gimbernat, J.A. (1992). Die Zukunft einer Nation. Politische und psychoanalytische Überlegungen zur deutschen Wiedervereinigung. Psyche, 46, 464-477.
Andreas Groß, März 1998