Orientierungsversuche im Informationszeitalter

Kontraste

September 1988

Soeben von der Nationalen Volksarmee entlassen stehe ich voller Ehrfurcht vor der Deutschen Bücherei in Leipzig, dem Archiv des deutschen Schrifttums. Im Zettelkatalog suche ich nach "Biermann". Ich finde zwei Einträge. Beide tragen einen speziellen Vermerk, der mir mitteilt, daß die Bücher nur mit einer speziellen Erlaubnis (dem sogenannten "Giftschein") ausleihbar sind. Enttäuscht gehe ich wieder nach Hause.

 

September 1998

Voller Begeisterung für das neue Medium gebe ich in die Internet-Suchmaschine Fireball den Suchbegriff "Biermann" ein und erhalte folgende Meldung:

Worthäufigkeiten: Biermann: 7214

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Fragen

Was bedeutet es für die Psyche, plötzlich unbegrenzten Informationsmöglichkeiten ausgesetzt zu sein ? Wie orientieren wir uns in einer durch Überfluß gekennzeichneten Umwelt, wenn unsere inneren Schemata zu einem großen Teil in Zeiten des Mangels gebildet wurden ?

Heiko Ernst (1998) beobachtet, daß Information und Kommunikation immer weniger in begrenzten und portionierbaren Einheiten stattfindet. Wo früher die Ereignisse der Welt in 15 Minuten Tagesschau untergebracht wurden, gibt es heute zwölf weitere Nachrichtensendungen, spezialisierte Nachrichtensender und damit die Möglichkeit, rund um die Uhr einem unablässigen Strom von Ereignissen und Pseudoereignissen zu konsumieren. In Deutschland gibt es derzeit fast 30 TV-Sender, 246 Rundfunkstationen, knapp 400 Tageszeitungen und 1800 Publikumszeitschriften. (Spiegel-Special, 3/99)

Begriffe wie "Informationsflut", "Informationsexplosion" und "Informationszeitalter" deuten eine rasante Entwicklung hin zu Vervielfältigung und Beschleunigung von Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten an. Dies betrifft alle Medien. So verdoppelt sich beispielsweise die Zahl der in den Bibliotheken zur Verfügung stehenden Bücher aller 14 Jahre. Aus Büchern werden Zeitschriften, schreibt Richard Powers (1997) und weist damit implizit auch auf veränderte Umgangsformen mit Büchern hin. Vermutungen, daß bestimmte Medien völlig ersetzt werden (das Internet vernichtet die Print-Medien) erweisen sich als unbegründet. Statt dessen greifen wir auf immer mehr verschiedene Medien zurück und verwerten Informationen, die uns früher nicht zur Verfügung standen (Bsp. Anrufbeantorter).

"Der einzelne muß diesen wachsenden Möglichkeiten, die er zunehmend auch als Zwang zur Teilnahme und Informationsaufnahme empfindet, mit neuen Formen des Informations- und Mobilitätsmanagements begegnen." (Ernst, 1998, S.60)

Ernst zitiert Enzensberger, der darauf hingewiesen habe, daß heute schon eine Ausgabe der "Bild-Zeitung" soviele Fakten und Neuigkeiten enthällt, wie sie sich ein Gebildeter früherer Jahrhunderte in einem ganzen Jahr nicht verschaffen konnte. CD-ROM´s machen ganze Lexika auf dem Computer zugänglich. Bleibt nur eine Frage: Wie und was auswählen ?

Die Skepsis gegenüber der inhaltlichen Bedeutung der verfügbaren Informationen und die Gefahren einer Anpassung des Menschen an eine entseelte, technisierte und computerisierte Umwelt werden von Neill Postman immer wieder auf den Punkt gebracht.

Zunehmend entfällt für unser Gedächtnis die Notwendigkeit, sich konkretete Fakten zu merken. Ohnehin wäre es häufig überfordert. Das weltweit verfügbare Wissen verdoppelt sich aller fünf Jahre (Ernst 1998). Externe Informationsspeicher stehen in immer größerem Umfang zur Verfügung. Was wächst ist die Anforderung an unsere Fähigkeit, uns im Datendschungel zu orientieren und für uns wertvolle Informationen herauszufiltern.

Somit ist es auch nicht verwunderlich, daß sich Geschäftsbranchen herausbilden, die spezielle Überblicke und Zusammenfassungen erstellen. Der Internet-Suchdienst Yahoo entwickelte sich zwischen 1995 und 1998 von der Idee eines Ex-Studenten zu einem Unternehmen mit einem geschätzten Marktwert von 3,5 Milliarden Mark (Konrad, 1/98). Sich ohne die Hilfe von Suchdiensten im Internet zu orientieren gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, was Abhängigkeiten von professionellen Helfern mit entsprechenden Manipulationsmöglichkeiten schafft.

Zeit und Raum sind infolge weltweiter Vernetzung und schnellerer und billigerer Verkehrsmittel immer weniger ein Hindernis für Kommunikation und Informationsaustausch. Besonders in Europa werden politische Grenzen durchlässiger oder verschwinden ganz. Was sind die psychosozialen Folgen ?

"Fremde Welten rücken mit Hilfe der Massenmedien und modernen Kommunikationsmittel ganz nah, während gleichzeitig der Nachbar wie der Bewohner einer fremden Welt immer ferner rückt"

(Opaschowski zitiert nach Döring 1996).

Wie viele Kontakte und Beziehungen könne wir meistern, ohne uns zu überfordern ?

"Die Psyche besitzt keine abschirmenden Wände, Vorgärten und Zäune mehr. Sie ist unablässig damit beschäftigt, sich mit Ideen, Vorschlägen, Informationen, Bildern, Wünschen auseinanderzusetzen, die an sie herangetragen, nein herankatapultiert werden." (Ernst, 1998, S. 62)

Unter dem Stichwort "Informationsneurose" behandelt Ernst das Gefühl, daß die Lücke zwischen dem, was wir verstehen, und dem, was wir glauben verstehen zu müssen, immer größer wird. Dieses Gefühl könne auftreten, wenn wir beispielsweise die Bedienanleitung eines elektronischen Gerätes nicht verstanden haben und deshalb nur einen Bruchteil seiner möglichen Funktionen nutzen können, wenn in Diskussionen Argumente und Quellen verwendet werden, mit denen "man" einfach vertraut sein muß oder wenn wir die Bedeutung bestimmter immer wieder mitgeteilter Informationen nicht verstehen (Börsenberichte).

Mit der zunehmenden Anzahl verfügbarer Informationsquellen wächst auch die Zahl zum zugänglicher Sichtweisen, Meinungen, Weltbilder und Lebensstile. Kaum eine Darstellung bleibt unwidersprochen.

"Jeder hat irgendwie recht, die Welt erscheint kompliziert und unübersichtlich – und ist im Grunde nicht mehr zu verstehen. Das Wichtige ist im Unwichtigen versteckt. Und selbst unseren Augen können wir nicht mehr trauen... " (Ernst, 1998, S.65)

Andererseits hilft die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven auch Vorurteile abzubauen, die durch den eigenen Standpunkt eingefärbte Wahrnehmung zu relativieren und sich in Andere besser einzufühlen.

In der modernen Mediengesellschaft gibt es immer weniger Geheimnisse, kein gruppen- oder altersspezifisches Spezialwissen, daß erfolgreich verborgen werden kann. Dies führt zur Möglichkeit, sich weltweit zu solidarisieren und den Mächtigen unliebsame Informationen auszutauschen ebenso wie zum "Verschwiden der Kindheit" (Neil Postman).

Dabei konkurrieren die Medienbeziehungen zu anderen Menschen mit den lebendigen, authentischen und realen Beziehungen.

Es kommt immer stärker zur Vermischung ursprünglich getrennter Lebensbereiche und der damit verbundenen Gefühle und Ansichten.

"Wenn wir die Hochzeit unserer Tochter feiern und es die einzige Erfahrung des Tages ist, dann mag unsere Freude unbändig sein. Doch wenn wir auf unserem Weg zur Hochzeit im Radio von einem verheerenden Erdbeben hören ..., dann verlieren wir nicht nur einerseits unsere Fähigkeit, uns voll und ganz zu freuen, sondern andererseits auch unsere Fähigkeit, tief zu trauern. (Meyrowitz zit.n. Ernst, 1998)

Die ständige Verfügbarkeit und der Austausch von Informationen über große Entfernungen hinweg führen zu einer Entgrenzung des psychischen und physischen Raumes. Das Gefühl für Distanz geht zunehmend verloren. Die mediale Entgrenzung ragt in alle Lebensbereiche hinein und kann zu einer ungewollten und schwer steuerbaren Intimität führen.

"Wir nehmen nicht mehr am Drama der Entfremdung, sondern an der Ekstase der Kommunikation teil." (Baudrillard zit.n. Ernst, 1998)

 

Antworten

Informationssucht

Wir können verführt sein, jede nur zugängliche Information aufzunehmen, zu speichern und zu hoffen, daß wir sie irgendwann einmal verarbeiten werden. Es stapeln sich die ungelesenen Bücher und Zeitschriften, die heruntergeladenen Dateien, die Ton- und Videobänder. Trotzdem bleibt das Gefühl, nie ganz auf der Höhe der Zeit zu sein und immer "hinterher" zu rennen.

Informationsverweigerung

Diese Antwort wird immer schwieriger und scheint nur noch an abgeschirmten Orten (Kloster) und für begrenzte Zeit möglich. Allenfalls könnte die Entwicklung einer Anorexie als ein symbolischer Versuch verstanden werden, sich in einer Umwelt voller Überfütterung abzugrenzen bzw. zu verweigern.

Kontrollierte und selbstbestimmte Informationsaufnahme

Der Umgang mit den neuen Medien verlangt von uns eine stetiges Urteil darüber, welches Wissen wir brauchen und wie wir es einschätzen. Sich dieses Urteil ohne fremde Unterstützung zu erarbeiten wird zunehmend schwieriger, ist aber auch nicht erforderlich. So bietet das Internet gute und hilfreiche Informationen auch für unser sehr spezielles Gebiet der Psychotherapie und Psychoanalyse. Mittlerweile gibt es auch spezielle Übersichten. Günther (1997) bietet einen Überblick für Psychologen und noch spezieller hat sich Laszig (1997) in der Psyche mit dem Thema "Psychoanalyse und Internet" beschäftigt. Solche Übersichten sind sehr wertvoll, ihr Nachteil besteht lediglich darin, daß sie schnell veralten.

Fritz Simon sieht in "positiver Ignoranz" eine Strategie gegen die wachsende Informationsflut. Informationsbeschaffung und –aufnahme sollen egozentrischer werden. Wir müssen lernen zu wissen, was wir nicht wissen müssen, wir müssen begreifen, daß ein Übermaß an Informationsaufnahme die eigene Kreativität und Kraft erstickt.

In eine ähnliche Richtung zielt Hugo Ball mit seiner Lebenshaltung der "aktiven Skepsis", die mit dem bewußten Verzicht auf Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten "intellektuelles Fasten" einschließt.

Heiko Ernst sieht eine Tendenz hin zu asketischen Impulsen, die letzlich auf der Erkenntnis beruhe, daß Selbstverwirklichung auch Wählen und damit den bewußten Ausschluß der vielen nichtgewählten Möglichkeiten bedeute.

"In der wachsenden Vielfalt und im rascheren Wandel bedeutet Lebensqualität Selbstbescheidung – nicht im Sinne einer moralinsauren Verzichthaltung, sondern in der weisen Erkenntnis, daß es ein hoffnungsloses und selbstzerstörerisches Unterfangen wäre, alle Möglichkeiten ausloten zu wollen. Gerade weil wir den virtuellen Zugriff zu allen Möglichkeiten dieser Welt haben, können wir uns mit jenen Wirklichkeiten begnügen, die in Resonanz mit unserem jeweiligen Geisteszustand schwingen... Die größte Gefahr ist jene der ständigen Überforderung persönlicher Orientierungs-, Gestaltungs-, Kommunikations-, Beziehungs- und Lernfähigkeiten." (Lutz zit.n. Ernst 1998)

Baumeister et.al. (1994) sehen im Mangel an Selbstkontrolle die Hauptursache für die sozialen Pathologien der Gegenwart.

Kozlowski und Hermann weisen auf daß Dilemma des überreizten Menschen von heute hin, dessen Verhalten nur in den beiden Extrembereichen von Mangel und Sättigung von den physiologischen Trieben beherrscht wird.

"Umso wichtiger wird in Zukunft sein, ob wir die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung, zur Introspektion, zur Achtsamkeit für unsere inneren Zustände entwickeln können. Können wir wieder spüren lernen, wann wir satt sind ?" (Ernst, 1998, S.171)

Epilog

Samstag, 27. Februar 1999

In die Suchmaschine "Fireball" gebe ich <<+"Wolf Biermann" +Liedermacher>> ein und erhalte folgende Meldung:

Die web-weite Suche fand 28 Dokumente, die +"wolf biermann" +liedermacher enthalten.